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Wolfsburg, 16. Mai 2018

„Irgendein Unser gewinnt immer“

Aus der Geschichte von Pikes Peak: Einzelne Familien feiern komplette Erfolgsserien


Bobby Unser gewinnt 1956 in neuer Rekordzeit von 14.27,0 Minuten. Das Rennfahrzeug hat wie im Vorjahr Onkel Jerry vorbereitet.

Insgesamt 95 Mal fand das Bergrennen am Pikes Peak seit 1916 statt – in 26 Fällen trug der Gesamtsieger den Namen Unser. Die ursprünglich aus der Schweiz stammende Familie hat das nach den „500 Meilen von Indianapolis“ zweitälteste Rennen der USA geprägt wie keine zweite. Auch andere Familien haben die Geschichte des berühmten „Race to the clouds“ durch Siegesserien geprägt.

Zunächst Familie Unser: Schon bevor Spencer Penrose seine mautpflichtige Straße auf den Pikes Peak baut, fahren die drei Unser-Brüder Louis (genannt Louie), Joe und Jerome Henry (Jerry) über die Behelfspiste auf den 4.302 Meter hohen Gipfel in Sichtweite ihrer Heimatstadt Colorado Springs – mit einem Motorrad und einem Beiwagen-Gespann.


Die Premiere – mit seinem Sieg 1934 legt Louis Unser sen. den Grundstein für die einmalige Erfolgsserie seiner Familie.

Gewinnerfamilie am Pikes Peak
Während sich Jerry später auf seine Fähigkeiten als Mechaniker konzentriert, starten Louie und Joe schon bald zum ersten Mal beim „Pikes Peak Hill Climb“. Joe verunglückt allerdings 1929 bei Testfahrten zum „Indy 500“. Und so ist es Louie, der den Grundstein legt für die Erfolgsgeschichte der Unsers an „America’s Mountain“, wie der Pikes Peak auch genannt wird. 1934 holt Louie Unser den ersten von schließlich neun Gesamtsiegen und beendet die Siegesserie von Glen Shultz, für den der Rennveranstalter den griffigen Namen „King of the Mountain“ erfindet.


Seltenes Bild – 1946 tritt Louis Unser nicht mit einem amerikanischen Renner, sondern mit einem Maserati 8CTF an. Und auch mit dem italienischen Fahrzeug gewinnt er.

Louie Unsers Duelle mit Al Rogers (fünf Siege) in den Jahren vor und nach dem Zweiten Weltkrieg elektrisieren die Fans. Einmal leisten sich beide in der letzten Kurve einen Dreher – reaktionsschnell fährt Louie im Rückwärtsgang über die Ziellinie und gewinnt. Noch als 71-Jähriger will er am geliebten Bergrennen teilnehmen. „Ich bin der Einzige, der die Nenngebühr mit dem Scheck der Rentenversicherung bezahlt“, scherzt er. Doch der Veranstalter erteilt Louis Unser sen. keine Starterlaubnis mehr.


1951 reicht es für Louis Unser – hier im Streckenabschnitt „George’s Corner“ – nur zu Rang vier.

Rennsport in den Genen
Zu diesem Zeitpunkt hat bereits die nächste Generation der Unsers das Staffelholz übernommen. Jerry Unser sen. und Gattin Mary haben vier Söhne – alle werden Rennfahrer. Zwei davon, Louis jun. und Jerry jun., sind Zwillinge. Beide feiern am Pikes Peak Klassensiege in der Kategorie „Stockcars“ (getunte Serienfahrzeuge). Jerry jun. stirbt an den Folgen eines Unfalls bei den „500 Meilen von Indianapolis“. Louis jun. erkrankt an Multipler Sklerose und muss den Helm früh an den Nagel hängen. Der geniale Mechaniker wird aber einer der besten Teamchefs seiner Ära.


Die nächste Generation – 1955 startet Bobby, Sohn von Jerry Unser sen., zum ersten Mal am Pikes Peak.

Robert William (genannt Bobby) und Alfred (Al senior) übertreffen die Erfolge von „Uncle Louie“ sogar noch. Beide gewinnen nicht nur am Pikes Peak, sondern auch das ebenso legendäre 500-Meilen-Rennen von Indianapolis. „Ohne unsere Erfolge am Pikes Peak hätten wir wohl kaum die Chance bekommen, in Indianapolis zu fahren“, glaubt Bobby. Al senior (zwei Pikes-Peak-Siege, viermaliger Gewinner des „Indy 500“) erinnert sich: „Egal, wo ich gestartet bin, mein schärfster Gegner war meistens Bobby.“

Bobby Unser ist überzeugt: „Der liebe Gott hat mich auf die Erde geschickt, um dieses Rennen zu gewinnen.“ Die Konkurrenten am Pikes Peak sehen die Sache so: „Irgendein Unser gewinnt immer.“


Al Unser gewinnt nicht nur das Bergrennen am Pikes Peak – hier beim zweiten Sieg 1965 –, sondern auch die „500 Meilen von Indianapolis“.

Reifen, Ruhestand und Rekorde
Die Unser-Brüder sind aber nicht nur versierte Piloten, sie haben auch revolutionäre Ideen zur Technik. „Wir hatten anfangs kein Geld für neue Reifen“, beschreibt Bobby. „Als wir einmal gebrauchte Reifen aufgearbeitet haben, sind uns Nussschalen in die Lauffläche geraten.“ Schon beim Training stellt sich heraus, dass die Reifen dadurch viel bessere Traktion aufbauen, beinahe wie Spike-Reifen auf Eis. Logisch, dass der Name Unser auch in diesem Jahr auf der Ergebnisliste ganz oben steht.


Comeback mit 52 Jahren – 1986 tritt Bobby Unser noch einmal an und gewinnt im Audi quattro erneut, er holt sich außerdem den Streckenrekord zurück.

Bobby Unser (drei Siege beim „Indy 500“) stellt schließlich mit zehn Gesamtsiegen am Pikes Peak einen bis heute unerreichten Rekord auf. In den 1970er-Jahren hat er mit dem Thema eigentlich schon abgeschlossen. Als aber 1985 mit der Französin Michèle Mouton nicht nur zum ersten Mal eine Frau gewinnt, sondern im Audi quattro gleich auch noch eine neue Bestzeit fährt, hält es Bobby Unser nicht im Ruhestand. „Ein Mädel hält den Rekord? Das konnte ich so nicht stehen lassen.“ 1986, im Alter von 52 Jahren, kehrt er zurück an den Pikes Peak. Im Audi quattro holt er Gesamtsieg und Streckenrekord – und die Welt ist für ihn wieder in Ordnung.


Der Nächste, bitte – Bobby Unsers Sohn Robby setzt die Familientradition fort. Er siegt 1992, muss sich 1993 (Foto) aber Paul Dallenbach geschlagen geben.

Rennfahrer-Dynastie in dritter Generation
Zu dieser Zeit ist längst die dritte Generation der Rennfahrer-Dynastie an „America’s Mountain“ angekommen. Bobbys Sohn Robby fügt der Familienstatistik vier weitere Titel des „King of the Mountain“ hinzu. Tochter Jeri ist 1998 der erste weibliche Unser beim „Race to the Clouds“. Und sie zeigt sich den männlichen Familienmitgliedern ebenbürtig – 2003 stellt sie einen Rekord in der Klasse der Elektro-Fahrzeuge auf.


Jeri Unser ist das erste weibliche Familienmitglied, das am Pikes Peak startet. 2003 stellt sie einen Rekord in der noch jungen Klasse für Elektro-Fahrzeuge auf.

Alfred jun. (genannt Litte Al) gehört zu den Stars der Indycar-Serie, zweimal gewinnt er das „Indy 500“. Sein einziger Sieg am Pikes Peak 1983 ist auch der Tatsache geschuldet, dass Rennsport inzwischen viel professioneller geworden ist und den Piloten kaum Zeit lässt, Veranstaltungen außerhalb ihres eigentlichen Tätigkeitsbereichs zu bestreiten.

So taucht auch der Name des späteren Formel-1-Weltmeisters Mario Andretti nur deshalb in der Siegerliste auf, weil 1969 der „Pikes Peak Hill Climb“ zur offiziellen Meisterschaft des United States Auto Club (USAC) gewertet wird.


Rekord für die Ewigkeit – 1993 gewinnt Leonard Vahsholtz gleich zwei Klassen, „Super Trucks“ (Foto) und „Sprint Cars“. Doppelstarts sind seitdem verboten.

Rennverrückte Familien und Monster am Pikes Peak
Die Unsers sind nicht die einzige Familie, die am Pikes Peak Geschichte schreiben. In den kleineren Klassen gehört der Name Vahsholtz zu den Legenden. Leonard Vahsholtz vollbringt 1993 das Kunststück, gleichzeitig die Kategorien „Sprint Cars“ und „Super Trucks“ zu gewinnen. Zwischen den beiden Rennläufen fliegt er mit dem Hubschrauber vom Gipfel zurück zum Start. „Danach wurde das verboten, mein Rekord ist also für die Ewigkeit“, amüsiert sich Vahsholtz. Im gleichen Jahr gewinnt Sohn Clint die Motorrad-Klasse. Gemeinsam haben Vater und Sohn Vahsholtz 32 Klassensiege gesammelt. Heute zählt Leonards Enkel Codie zu den besten Motorradfahrern.


Leonards Vahsholtz’ Sohn Clint startet auf dem Motorrad und im Auto (im Foto 1999). Zusammen mit dem Vater holt er 32 Klassensiege – mehr als die Unsers.

Ähnlich erfolgreich wie die Vahsholtz ist das Vater-Sohn-Gespann Rod und Rhys Millen. Rod erzielt 1994 seinen ersten von insgesamt fünf Gesamtsiegen mit der schnellsten Zeit, die jemals auf der noch komplett unbefestigten Strecke gefahren wird. Rhys Millen (zwei Gesamtsiege) ist aktuell der Inhaber des Streckenrekords für Elektro-Fahrzeuge. Jener Bestmarke also, die Volkswagen 2018 mit dem I.D. R Pikes Peak angreift. 


Auf der noch komplett unbefestigten Strecke gewinnt Toyota-Pilot Rod Millen 1994 in neuer Rekordzeit. Schneller wird erst wieder gefahren, als die Piste bereits teilweise asphaltiert ist.

Bobby Unser ist mit zehn Gesamtsiegen die Nummer eins der Statistik, sein Onkel Louie belegt mit neun Titeln Rang zwei. Drittbester mit acht Gesamtsiegen ist der Japaner Nobuhiro Tajima, wegen seines aggressiven Fahrstils und seiner körperlichen Präsenz von Fans und Konkurrenten ehrfurchtsvoll „Monster“ gerufen.


Auch der Japaner Nobuhiro Tajima versucht es in einem zweimotorigen Fahrzeug. 1993 reicht es im Suzuki noch nicht zum Sieg.


2013 ist „Monster“ Tajima in elektrisch angetriebener Eigenkonstruktion erneut sehr schnell. Er muss sich jedoch Rallye-Weltmeister Sébastien Loeb geschlagen geben, der den heute noch gültigen Streckenrekord aufstellt.

Kojoten für „America’s Mountain“
Nicht in dieser Statistik taucht ein Mann auf, dessen Autos in den späten 1970er-Jahren das berühmteste Bergrennen der Welt revolutionieren – John Wells. Unter dem Namen Coyote adaptiert Wells im Dragster-Sport bewährte Technologie für die Schotterstrecke am Pikes Peak. Leistungsstarke V8-Motoren, platziert über der angetriebenen Hinterachse, sorgen für überlegene Traktion. Vier Gesamtsiege erzielen Wells’ Kunden, der als Fahrer über einen Klassensieg nicht hinauskommt. Immerhin: 21 Klassensiege für seinen Coyote sind Pikes-Peak-Rekord für ein einzelnes Fahrzeugmodell. Mehr werden sich allerdings nicht hinzugesellen, denn 2018 ist das erste Jahr, in dem die Coyote beim „Pikes Peak International Hill Climb“ nicht mehr zugelassen sind.


Ein von John Wells gebauter Coyote im Einsatz beim Pikes Peak International Hill Climb 1992.

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